Argumente für eine Sanierung
- Die soziale Situation im Stadtteil Anger hat sich in den letzten Jahren trotz Gebäudesanierung nicht entschärft. Nach aktuellen Statistiken sind sowohl die Arbeitslosenquote, als auch der Anteil von Hartz IV Empfängern, Alleinerziehenden und Ausländern mit am Höchsten in Erlangen. Über die Hälfte der Menschen am Anger haben Migrationshintergrund, jedes 3. Kind wächst nur mit einem Elternteil auf und für jedes 4. Kind wird Hartz IV bezahlt.
- Durch die kostengünstigen und niedrigschwelligen Angebote in der Villa wird allen Bevölkerungsgruppen und Altersschichten der Zugang und die Teilhabe am sozialen und kulturellem Leben ermöglicht. Die Einrichtung leistet einen wichtigen Beitrag zu Integration, bürgerschaftlichem Engagement und kultureller Bildung im Stadtteil.
- Über 20 verschiedene Gruppen, Initiativen und Vereine nutzen die Villa aktuell: deutsch-ausländische Kulturvereine, Selbsthilfegruppen, Eltern-Kind-Gruppen und Projekte. Es werden rund 100 Kurse, Einzelveranstaltungen und kulturelle Programme an ca. 1000 Terminen im Jahr angeboten, Dabei sind durchschnittlich 11.000 Besucherkontakte zu verzeichnen. Geeignete alternative Flächen für einen Ersatzbau oder Räume zum Anmieten sind im Stadtteil Anger nicht vorhanden.
- Für viele Bürgerinnen und Bürger am Anger und in der Spinnereisiedlung ist die Villa das Zentrum in ihrem Stadtteil. Die Villa liegt verkehrsgünstig, hat Flair, der angrenzende Park mit kleinem Amphitheater ist ein einzigartiger Veranstaltungsort mitten in der Stadt.
- Während die Wahlbeteiligung am Anger mit ca. 50% bei der letzten Bundestagswahl und 30 % bei der Europawahl extrem niedrig ist, engagieren sich viele Bürgerinnen und Bürger ehrenamtlich in der Villa und den anderen Stadtteileinrichtungen. Dieses Bürgerengagement muss erhalten und eine Beteiligung an der Sanierung angestrebt werden.
- Die ehemalige Direktorenvilla der Fa. ERBA ist ein wichtiger Teil der Erlanger Industrie- und Stadtgeschichte und sollte als Denkmal einer vergangenen Industriekultur erhalten werden.
Ein Plädoyer für den Erhalt der Erba-Villa
Der positive Charakter einer Stadt liegt in ihrer Mannigfaltigkeit begründet. "Offen aus Tradition" - dieser Slogan der Stadt Erlangen passt auf die Villa wie sonst kein anderer. Als einzigartiges Zeugnis Erlanger Industriegeschichte hat sich die Villa im Laufe ihres 25jährigen Bestehens allen Bevölkerungsgruppen geöffnet und ihre Freizeit- und Kulturangebote auf die Bedürfnisse ihrer Besucher abgestimmt.Nirgendwo sonst habe ich bisher eine derart harmonische Zusammenarbeit zwischen Menschen verschiedenster sozialer und kultureller Herkunft erlebt. Ohne spürbare Grenzen oder falsche Vorurteile werden hier gemeinsam große Feste wie das Fiesta Tropical, Tanz im Park oder das Stadtteilfest am Anger auf die Beine gestellt. Raum für gegenseitiges Kennenlernen und Kommunikation bieten aber auch die zahlreichen kleineren Veranstaltungen und der regelmäßige Sonntagsbrunch. Die Ferienprogramme und Kindertheater sind weit über die Grenzen des Stadtteils hinweg bekannt und beliebt. Wenn der Ruf laut wird nach Völkerverständigung, globalem Denken und einem europäischen Wir-Gefühl, dann sollten wir sehen, wo es im Kleinen bereits besteht: Die Villa ist so ein Beispiel.
Integration ist hier kein Wunschdenken mehr, sondern eine bereits langjährige Erfolgsgeschichte, auf die die Stadt Erlangen stolz sein kann!
Und statt in einem alten Gebäude wie der Villa nur den "Klotz am Bein" zu sehen, lohnt es sich auch hier, einen Blick auf deren besondere Geschichte zu werfen:
Durch die Nutzung der Erba-Villa als Stadtteilzentrum für das angrenzende Angerviertel wird nicht nur ein ideeller Bezug zwischen der früheren Baumwollspinnerei und der Arbeitersiedlung hergestellt, die Villa samt Park bleibt auch als Teil Erlanger Kulturgeschichte im kollektiven Gedächtnis. Aufgrund ihrer Vergangenheit und architektonischen Qualität besitzt die Villa ein Identifikationspotential, das außerhalb des historischen Stadtzentrums selten zu finden ist. Gerade im Angerviertel sind nur noch wenige Elemente vorhanden, die eine Verbindung zur Stadtgeschichte Erlangens erkennen lassen. Auch die räumliche Nähe zum Stadtzentrum ist für eine öffentliche Einrichtung wie den Bürgertreff von Bedeutung, da für die Bürger des Stadtteils Anger ein Bezug über stadträumliche Grenzen wie Hochstrasse und Friedhof hinweg hergestellt werden kann und so die Gefahr einer Trennung zwischen Stadtzentrum und Angerviertel reduziert wird. Die Villa samt Park ist daher nicht nur denkmalpflegerisch schützenswert, sondern auch stadtsoziologisch ein wertvoller Baustein innerhalb eines integrativen Stadtgefüges, der öffentlichen Nutzungen für die angrenzenden Stadtteile zur Verfügung stehen sollte.
Mareike Jädicke, Mitglied im Förderverein "Villa und Angertreff"